14/03/2022
Feine Sahne bleibt stabil.....
Von Familien, die aus Verzweiflung wieder zurück in die Ukraine wollen, Schusswesten wo letzte Woche noch keine waren, halb 4 morgens in Vorpommern und Waisenhäusern in Kiew
Der Krieg kommt immer näher. Die Leichensäcke, welche wir letzte Woche schon als Spende mitgebracht hatten, müssen jetzt nicht mehr bis ans andere Ende der Ukraine oder nach Kiew gebracht werden. Auf der polnischen Seite hört man jetzt schon die Kampfhandlungen. Teile der Leichensäcke werden nun auch schon in der Nähe der polnischen Grenze gebraucht.Unser „Mecklenburg-Vorpommern“-Konvoi besteht aus 14 Autos, hammervielen geilen Spenden, ner Menge Bargeld und verschiedensten Menschen. Die erste Hilfsorganisation die wir an einer Landstraße ca. eine Stunde von der Grenze entfernt treffen, sind die von „Help for Ukraine“. Seit Tagen pendeln sie immer zwischen den Grenzen und bringen medizinischen Hilfsmitteln, Medizin und medizinische Geräte direkt in ukrainische Krankenhäuser. Einer der Hauptfahrer ist ein Homie von Feine Sahne, welcher ansonsten in Crews und im Hintergrund bei Konzerten auf den Stages arbeitet. Vor einer Woche meinte er noch, dass die Leute in Lwiw noch vergleichsweise entspannt sind, in Cafes sitzen und der Krieg manchmal für einige Sekunden weit weg wirkt. Gestern Abend wurde Lwiw nun das erste Mal angegriffen. Bombenangriffe. Mehrere Tote. Unser Homie und seine komplette Crew tragen Schusswesten. Innerhalb von 20 Minuten lädt unsere Crew all den geilen medizinischen Stuff ein, den wir von Einzelpersonen, Apothekern, „Apothekern ohne Grenzen“ und privaten Ärzten gespendet bekommen haben. Richtig geiler Stuff, sagt jeder, der davon Ahnung hat. Das Zeug geht nun direkt ins ukrainische Krankenhaus nach Lwiw. Für uns geht es direkt weiter zu Leuten, die sich organisiert haben und die ganzen Sachspenden an den Grenzen an die Flüchtlinge auf polnischer und ukrainischer Seite und an Zivilisten in der Ukraine verteilen. Als wir letzte Woche wegfuhren, war die Halle von unseren Spenden gut gefüllt. Nun ist sie wieder komplett leer. Alle aus der Crew packen an. Innerhalb kürzester Zeit haben wir alle Transporter und Autos ausgeladen.Vor ein paar Tagen meinten sie noch, dass es zwecks Nahrung bisher keine Probleme auf ukrainischer Seite gab. Jedenfalls nicht bei den Leuten, zu denen sie Kontakt haben. Auch dies hat sich innerhalb kürzester verändert. Immer öfter gebe es nun Versorgungsengpässe. Zum Glück haben wir ordentlich Essen, Wasser und Bargeld dabei. Große Dankbarkeit bei den Menschen. Die nächsten Tage sind gerettet und sie können weiterhin ordentlichst Spenden verteilen. Immer öfter erzählen die Leute davon, dass immer mehr Zivilisten nach und nach an die Waffen gehen und kämpfen müssen/wollen/keine andere Wahl haben. Carmouflage Klamotten kriegste immer weniger zu kaufen, meinen sie. Die einen erzählen davon, dass sie seit Tagen keinen Kontakt mehr zu Freunden bekommen und Angst haben, dass sie gestorben sind. Andere verstecken sich seit Tagen in Kellern. Apropos Keller: Irgendwann ein Anruf aus Krakow. Es geht die Meldung rum, dass im umkämpften Kiew ein komplettes Waisenhaus unevakuiiert ist. Ein Keller voller Waisenkinder. Die versuche da herauszukommen, egal wie. Wer grad unterwegs ist, soll all die Leute, die direkten Kontakt in die Ukraine haben, fragen, ob da irgendwas geht… Waisenkinder im Kiewer Keller, Alter. Was eine Sc***sse. Warum sind wir keine Special-Force oder irgendsoeine Eingreiftruppe? Dumme Gedanken. Völlig unrealistisch. Aber Waisenkinder im Kiewer Keller, Alter. Friedenslichterketten reichen da nicht mehr.
Irgendwann erreichen wir den Krakauer Hauptbahnhof. Gestern hieß es noch von unseren Leuten, dass 63 Leute zusammenbekommen kein Problem ist. Als wir ankommen, ist die Zahl auf 0. Die Wochen waren zwar schon Busse da, aber heute ist der erste Samstag nachdem es sich rumgesprochen hat, dass der Krakauer Hauptbahnhof eine gute Anlaufstelle ist, wenn man Leuten helfen will. Auf der eine Seite lange Gesicht bei uns, weil man einfach gerne noch mehr geholfen hätte. In solchen Zeiten gibt es keine Sicherheit. Für Nix. Und irgendwann wird auch klarer, dass das ein gutes Zeichen ist, denn es bedeutet nicht, dass es immer weniger Menschen bis nach Krakau schaffen, sondern immer mehr Leute den A***h hochkriegen, Busse stellen, selber fahren, versuchen irgendwas zu reißen. Auf die Leute, die jedoch etwas länger warten und nicht aufgrund von Arbeit oder Familie zu einer festen Zeit zurück sein müssen, kommen nach und nach immer mehr Menschen zu und wollen mitgenommen werden. Aus 5 nach Berlin, werden Mütter mit ihren Kindern nach Rostock, werden immer mehr Autos von uns, die die Menschen doch noch mit rübernehmen, zumeist in Erstaufnahmelager bringen müssen. Irgendwann eine 7köpfige Familie. Kopf an und in Jarmen angerufen. Da wurden für Flüchtlinge doch grad mehrere Wohnungen organisiert und möbiliert. 21 Uhr Telefonat. „Eyh, Oma, 2 Mütter, 4 Kinder. In 8-9 Stunden in Jarmen! Wat sagt ihr.Geht dat klar?“. 2 Minuten später Rückruf: Geht klar. Wir stehen zwischen 3-4 Uhr vor der Bude, nehmen die Menschen in Empfang und kümmern uns um die. Die Wohungen sind vor 2 Tagen erst fertig geworden. Wahnsinn. Die Familie also Zakk auf 2 Autos aufgeteilt. Ab nach Vorpommern. Währenddessen spricht(soweit sie mit ihrer heiseren Stimme noch sprechen kann) unsere Dolmetscherin, welche letzte Woche aufgrund der beschissenen Situation einfach in Krakau geblieben ist, eine Familie an, die völlig fertig ist.Sie suchen nicht mehr nach Weiterfahrt, sondern sagen Ihr allen Ernstes, dass sie wieder in die Ukraine zurückwollen, da die letzten Tage noch beschissener waren und sie überhaupt keine Sicherheit habe. In die Ukraine zurück. Kein Sc***ss. Die Dolmetscherin redet mit Ihnen. Erzählt über unsere Crew. Stellt ein paar von uns vor. Sie überlegen. Irgendwann sagen sie, ok. Sie versuchen es nochmal.Auch wenn son Erstaufnahmelager natürlich geiler ist, als irgendwo draußen zu schlafen oder mit seiner 5jährigen Tochter wieder ins Kriegsgebiet zurückzugehen. Wir versuchen Alles und während sie schon über ne Stunde in Richtung Rostock mit im Auto sitzen, kann ihnen Artur, unser Freund von Audiolith übers Telefon erklären, dass sie für die nächsten Wochen erstmal eine eigene Wohnung für sich alleine haben können. Innerhalb kürzester Zeit haben sich da geile Leute gemeldet. Morgens um 6 gehen sie durch die Tür. Und sowohl die 3, als auch der Besitzer und wir können das grade irgendwie gar nicht fassen. Da wohnen jetzt 3 neue Menschen in Rostock. Hoffentlich kommen sie gut an. Über 20 Leute konnten unsere MV-Crew schlussendlich wieder nach Deutschland bringen.
Den Großteil der Kohle haben wir wieder an Menschen gegeben, die uns in den letzten 2 Tagen über den Weg gelaufen und die am Start sind. Den Leuten von der Krankenhaus Crew, welche damit ihre Fahrten finanzieren und benötigte Medizin vor Ort kaufen, der Crew, die die Leute direkt an Grenzen supportet, den „Taxiservice for Peace“ Leuten, die da seit Tagen so viel am Bahnhof reissen.
Auch wenn vieles ganz sicher nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist und es klar ist, dass das hier nicht Kurz-sondern Langstrecke wird… Klar, gegenüber dem Krieg fühlt man sich hilflos. Aber bei den Einzelfällen, bei den Menschen, denen wir gestern übern Weg gelaufen sind oder die Hilfe von anderen bekommen haben. Da geht was. Und das merkt man. Hoffen wir einfach drauf, dass all die große Solidarität innnerhalb der Gesellschaft , nachdem die ersten Probleme auftreten( und das werden sie)nicht wieder nach kurter Zeit völlig abebbt.
Irgendwann heute Nacht dann die Nachricht von der Krankenhaus-Crew, dass gestern ein nur beschissener Tag. Sie wurden 2 Mal an der Grenze abgewiesen. Kein durchkommen. Hier ist Kriegsgebiet. Es verändert sich Alles. Teils stündlich. Während des Schreibens dieses Textes, dann die Nachricht und Bilder… „Wir haben es geschafft. Wir sind heute wieder durchgekommen. All euer Zeug ist gut im Lwiwer- Krankenhaus angekommen.“. Erleichterung, wie geil! Es hat sich gelohnt...
Wenn du nur Zuhause sitzt und dir die ganze Zeit Instagram anschaust, kannst du schnell denken, dass es da nur noch komplette Japper draußen gibt. Die einen posten und posten, übertreffen sich in ihren Storys, wirken wie die letzten Döschis. Die Anderen sagen, dass es keine Leute gibt, die noch irgendwat reissen ausser Internet. ,Niemand mehr was macht, außer diesen Like vor Realität- Selbstbeweihräucherungsinternetscheiss. Kennen wir, können wir fühlen. Aber wenn de mal draußen bist. An der Grenze. In irgendwelchen Lagern. Am Krakauer Bahnhof. Wenn innerhalb von 2 Tagen 14 Autos mit Spenden voll sind, schon wieder weit über 20000 Euro zusammengekommen sind. Wenn aus, „Wir werden auf die Schnelle vllt so 5-6 Karren, mal eben ein Konvoi mit 14 Wägen wird. Wenn du die Augen auf der Autobahn aufmachst und die Nummerschilder siehst. Wenn dir Leute vom „Taxiservice for Peace“ erzählen, dass da nach unseren Post letzte Woche in den letzten Tagen Leute mit Feine Sahne Shirt ankamen und meinten „Sie hätten da was gelesen, wie können sie helfen?“. Wenn du um 4 Uhr von deinen Homies den Anruf bekommst, dass die Familie in Jarmen gut abgeliefert und von Leuten von vor Ort herzlich empfangen wurde. Wenn du hörst, dass da Wenn du da mit der „Help for Ukraine“-Crew stehst und die erzählen, dass die täglich vielleicht 2 Stunden schlafen, dann weißte, dass de dich nicht an irgendwelchen Internethoschis abarbeiten musst, sondern weisst: Digger, da draußen sind grad so viele Leute, die rumrödeln, die den A***h hochkriegen.
Da wären noch so viele Gedanken . Aber egal. Gleich gehen wir schlafen. So richtig. Mit über 6 Stunden und so. Aber eins ist Fakt. Und es ist schön, dass man dies in dieser erbärnlichen Sc***sszeit noch sagen kann...
So viele Leute da draußen- Noch nicht komplett im A***h!
Hier wieder: Ein paar Spendenlinks, die wir euch ans Herz legen:
Taxiservice for Solidarity: https://www.paypal.com/pools/c/8HSzaM2aCL
Gemeinde Jarmen, welche sich nun um die 7 köpfige Familie kümmert: PEK. IBAN: DE71 5206 0410 1305 422884 Verwendungszweck: Ukraine
Operation Solidarity: https://operation-solidarity.org/how-to-help/
Foto: Unsere Sachspenden im ukrainischen Krankenhaus in Lwiw(grad angekommen)