02/01/2022
So wahr und doch noch nicht von vielen verstanden. Danke für die Erinnerung.
Im Januar 14 erreichte mich eine Nachricht aus der neuen KiGagruppe meiner damals 3-jährigen Zwillinge: "Liebe Eltern,
Wir haben ab heute in unserer Gruppe ein neues Belohnungssystem eingeführt. Es soll die Kinder motivieren, liebevoll miteinander umzugehen, zuzuhören, reden statt schreien und höflich zu sprechen, wenn sie etwas haben möchten.
Wir haben den Kindern gesagt, wenn sie sich gegenseitig weh tun (verbal und /oder körperlich), nicht hören etc. wir traurig darüber sind und in die Liste eine Träne malen und die, die sich an die Regeln halten bekommen einen Glücklichen Smilie.
Am Ende der Woche machen wir die Auswertung und dementsprechend bekommen sie eine kleine Belohnung.
Wir hoffen, dass wir somit einen liebevolleren Umgang miteinander erreichen können." 🤮
Ich war sauer und verzweifelt zugleich. Der darauffolgende Elternsprechtag war grausam. Bereits kurz nach der Einführung des Belohnungssystems hatte ich meinen Unmut ausgesprochen und immerhin hatte man die Tränen weggelassen. Man sah aber den Fortschritt und fand es wichtig positives Verhalten zu verstärken: "Wir haben den Kindern gesagt, dass sie sich nun in Ruhe Bücher anschauen. 3 Kinder (von 20!) haben es auch lieb getan, während der Rest wild rumgetobt hat. Da muss ich die lieben Kinder doch belohnen, wenn sie sich so benehmen wie ich es will!" Und eine Mutter dazu "wir wollen doch alle, dass sie lieb sind und das ist doch völlig Altersgerecht. Spätestens in der Schule müssen sie gelernt haben, ruhig zu sein"
Während ich nicht glauben konnte, wie unreflektiert und einfältig mit den bestehenden Problemen umgegangen wurde, war die große Mehrheit der Eltern glücklich. Endlich hatten sie ein Werkzeug in der Hand mit dem ihre Kinder funktionierten. Sie erzählten wie leicht es nun war, sie durch Drohung und Manipulation ins Bett zu bekommen. 😢
Meine Kinder legten Verhaltensweisen an den Tag, die mich hingegen stark besorgten: "Mama, ich war lieb!" "Mama, hast du gesehen, ich habe geteilt!" "Nein, mein Bruder ist nicht lieb, ich bin lieb!" Sie waren Abends sehr unruhig und bekamen morgens öfters Bauchschmerzen... 😱😭
Auch das Gespräch mit der Kitaleitung, die zugleich Träger war, brachte nichts. Sie fühlte sich für die Pädagogik in ihrer Einrichtung nicht zuständig. Schließlich hatte sie dafür Fachleute eingestellt, die "situativ" entscheiden konnten, was eben gebraucht wurde. Ich erkannte, dass ich nicht bereit war bei solch ein "russisches Roulette" mitzuspielen. Und da es auch seitens der Eltern - obgleich ich Elternsprecherin war - keine Unterstützung für mein Anliegen gab, nahm ich meine Kinder aus der Kita. Das war nicht ganz so einfach, denn sowohl ich als auch mein Mann arbeiteten in Vollzeit. Aber wir fanden nach wenigen Wochen Wege. So richtete ich meine Gleizeit seiner Schichten an und beantragte Homeoffice für die rechtlichen Stunden.
Diese Erfahrung prägte mich. Seitdem begann ich mich tiefer mit der Materie zu befassen. Das Ergebnis davon ist nun Geschichte und gelebte Realität. Zuerst kam Elternmorphose, dann die APEGO-Schule Berlin, die zugehörige Kita befindet sich in Gründung und "last but not least" mein Buch "Es geht auch ohne Strafen! Kinder auf Augenhöhe begleiten. Impulse für Familie, Schule und Kita." 💜
Gibt dir das Leben eine Zitrone, so mache dir Limonade daraus. 😅😉
Belohnungen sind Strafen und schaden ebenfalls. Strafen und Belohnungen üben Kontrolle auf Kinder aus.
Kinder sollen hören und gehorchen.
Verhält sich das Kind nicht wie erwünscht, wird es bestraft, indem ihm angebliche Privilegien entzogen werden oder Leid zugefügt wird. Das Kind soll "Konsequenzen" spüren und in Zukunft besser funktionieren.
Verhält sich das Kind so wie erwünscht, wird es belohnt. „Tue, was ich will und ich tue dir was Gutes“ ist hier die perfide und aus Präventiongründen gefährliche Botschaft. Privilegien und Liebe nur, wenn du nach meiner Nase tanzt.
In beiden Fällen geht es um Folgsamkeit und dies ist kein gutes Ziel, denn das Kind lernt sich anzupassen und blind zu folgen; das zu tun, was andere von ihm verlangen und für richtig halten, ohne dies zu hinterfragen. [Übrigens: Das ist nicht gut für seine schulische und berufliche Laufbahn, sondern Gift für sein Leben und für unsere Gesellschaft.] Was sie fühlen oder brauchen bleibt dabei - ob bestraft oder belohnt - ungesehen. Wichtig ist nur, was der Erwachsene will.
Aber das Kind lernt dabei weder empathisch zu sein noch Konflikte respektvoll zu lösen. Sie lernen dieselben toxischen Strategien, die auch wir anwenden: Lügen, Drohen, Demütigen, Richten.
Strafen und Belohnungen sind Erziehungsmethoden. Doch wenn wir ehrlich sind, ist Erziehung eben genau das: Dressur.