27/04/2020
In der Rubrik "Es muss nicht immer Goethe sein" setze ich mich immer am letzten Montag im Monat mit einer Frage auseinander, die des Öfteren an mich herangetragen wird, mit der Frage nämlich: Was lesen eigentlich Lektoren in ihrer Freizeit? Dabei stelle ich jeden Monat in aller Kürze einen geduldigen Begleiter in ruhigen Stunden vor.
Meine persönliche Leseempfehlung des Monats April stammt aus der Feder von Max Frisch, Autor von "Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie" (1953) und "Andorra" (1961). Eine frühe Fassung des Romanes, um den es geht und an dem Frisch insgesamt 3 Jahre schrieb, trug den Titel "Lila oder Ich bin blind". Wer den Roman kennt, weiß, welche Bedeutung Lila im Leben des blinden-gar-nicht-so-blinden Protagonisten zukommt. Die Rede ist von:
"Mein Name sei Gantenbein" (1964).
"Der Verfasser von 'Stiller' (1954) und 'Homo faber' (1957) hat in seinem dritten großen Roman 'Mein Name sei Gantenbein' (1964) sein zentrales Thema, das Problem der Identität, die Spannung des Ichs zum anderen, nicht verlassen. Radikaler gefaßt, entfaltet es sich heiterer, reicher als bisher. Der Komplexität des Themas entspricht die Form. Der Roman spiegelt die Verschiebung von Realität und Phantasie im Bannkreis einer Situation, die die erprobte Rolle eines Menschen in Frage stellt, sein Ich freilegt. Die Geschichten des Buches sind nicht Geschichten im üblichen Sinn, es sind Geschichten wie Kleider, die man anprobiert. Es sind Rollen, Lebensrollen, Lebensmuster, die die Wirklichkeit erraten haben."
Ins Auge fällt freilich sofort der im Konjunktiv I formulierte Titel des Buches ("sei"), der sich wie eine geheime Lebensformel, wie ein sehnlichster Lebenswunsch liest. Und das liegt gar nicht so fern, denn das Credo des Erzählers, dessen eigentlicher Name unbekannt bleibt, lautet: "Ich probiere Geschichten an wie Kleider!" Doch es schließt sich unweigerlich die Frage an: Und wer bist du nun, Gantenbein? Wer ist das hinter all den Geschichten, unter all den Kleidern? Vielleicht würde er zurückfragen: Tja, wer bin ich - und wenn ja, wie viele? Das wiederum ist die Frage, die im Zentrum von Frischs Roman steht. Der Mensch, dessen wird sich der Leser bereits nach wenigen Seiten bewusst, wird hier als eine Summe von Möglichkeiten dargestellt, die über die eigene Biografie hinausreicht und sich hier und da und nur allzu gern mit Fiktionen vermischt. Das Leben? Eine wunderbare Mixtur aus Dichtung und Wahrheit. Goethe lässt grüßen. Frisch selbst meint: "Jeder Mensch, nicht nur der Dichter, erfindet seine Geschichten - nur daß er sie, im Gegensatz zum Dichter, für sein Leben hält - anders bekommen wir unsere Erlebnismuster, unsere Ich-Erfahrung nicht zu Gesicht." Am Ende jedenfalls steht für Gantenbein, oder wer auch immer er ist, fest: "Leben gefällt mir".
Wem "Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil (1930/33) oder "Das Leben ein Traum" von Pedro Calderón de la Barca (1635) zusagen, der könnte auch Gefallen an "Mein Name sei Gantenbein" von Max Frisch finden. Im Grunde aber stellt sich früher oder später bei jedem die Frage ein: Sind wir nicht alle ein bisschen Gantenbein?